{"id":7191,"date":"2019-10-24T11:29:44","date_gmt":"2019-10-24T09:29:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/?p=7191"},"modified":"2026-01-22T13:53:04","modified_gmt":"2026-01-22T12:53:04","slug":"polizei-gelingt-rundumschlag-cyberbunker-ausgehoben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/polizei-gelingt-rundumschlag-cyberbunker-ausgehoben\/","title":{"rendered":"Polizei gelingt Rundumschlag: Cyberbunker ausgehoben"},"content":{"rendered":"<p>Ein vermeintlich perfektes Versteck: In einem fr\u00fcheren NATO-Bunker entdeckte die Polizei bei einem Gro\u00dfeinsatz mit mehreren hundert Einsatzkr\u00e4ften im rheinland-pf\u00e4lzischen Traben-Trarbach ein illegales Rechenzentrum \u2013 im Darknet als \u201eCyberbunker\u201c bekannt. Erstmals ist es damit gelungen, einen sogenannten Bulletproof-Hoster auszuhebeln. Die Polizei konnte von der international agierende Cyberbande rund 200 Server, Mobiltelefone, Datentr\u00e4ger, eine gr\u00f6\u00dfere Summe Bargeld sowie diverse Dokumente sicherstellen. Vom Beginn der Ermittlungen bis zum erfolgreichen Zugriff vergingen f\u00fcnf lange Jahre \u2013 und auch heute ist noch kein Ende in Sicht.<\/p>\n<h2>Cyberbunker: Hacker-Zentrale in Traben-Trarbach<\/h2>\n<p>Die Hackertruppe mit dem klangvollen, im Darknet bekannten Szenenamen \u201eCyberbunker\u201c versteckte ihre Server in einem ehemaligen NATO-Bunker im beschaulichen Traben-Trarbach an der Mosel. Dort betrieben die Cyberkriminellen ein Rechenzentrum als sogenannter \u201eBulletproof-Hoster\u201c. Dies ist ein Hosting-Service, der seinen nicht immer ganz legalen Kunden Schutz vor staatlichen Zugriffen bietet und damit oft erfolgreich Ermittlungen vereitelt.<\/p>\n<p>Derzeit werden die Beschlagnahmungen aus dem Bunker gepr\u00fcft. Dieser umfasst rund 5.000 Quadratmeter, die sich auf f\u00fcnf Etagen verteilen. Trotz dieser Gr\u00f6\u00dfe ist der Bunker gut auf dem rund 13 Hektar gro\u00dfen Milit\u00e4rgel\u00e4nde getarnt, auf dem er liegt. Hier befindet sich unter anderem ein Geb\u00e4ude, in dem rund 500 B\u00fcroeinheiten untergebracht sind.<\/p>\n<p>Im Juni 2013 hatte ein Niederl\u00e4nder die Bunkeranlage f\u00fcr 350.000 Euro erworben. Der 59-j\u00e4hrige Niederl\u00e4nder mit Wohnsitz in Singapur hielt sich oft in dem Bunker oder an der Mosel auf. Das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz hatte schon vor dem Verkauf des Bunkers Bedenken an die zust\u00e4ndige Bundesbeh\u00f6rde weitergeleitet. Patrice Langer, Stadtb\u00fcrgermeister von Traben-Trarbach, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem SWR, dass die Ansiedlung auf dem einstigen Bundeswehrgel\u00e4nde schon von Beginn an einen bitteren Beigeschmack gehabt h\u00e4tte. \u201eWir haben uns immer Gedanken gemacht, was da auf den Rechnern l\u00e4uft. Das hat sich jetzt best\u00e4tigt\u201c, bekr\u00e4ftigt Langer.<\/p>\n<p>Allen Bedenken zum Trotz wechselte der Bunker seinen Besitzer. Die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde, die Bundesanstalt f\u00fcr Immobilienaufgaben (Bima), \u00fcbt sich in Erkl\u00e4rungsversuchen: \u201eDie Bima hatte sich im Vorfeld des Verkaufs im Jahr 2013 mit dem Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz als zust\u00e4ndiger Sicherheitsbeh\u00f6rde abgestimmt.\u201c Das LKA h\u00e4tte seinerzeit jedoch keinerlei Erkenntnisse vorlegen k\u00f6nnen, die es rechtfertigen k\u00f6nnten, den K\u00e4ufer vom Kaufverfahren auszuschlie\u00dfen. Jedoch bekam die Bima vom LKA die Information, dass nicht auszuschlie\u00dfen sei, dass der K\u00e4ufer mit dem Kauf ein Rechenzentrum zum Begehen von Straftaten aufbauen m\u00f6chte.<\/p>\n<h2>Schwerer Schlag gegen die Cyberkriminalit\u00e4t<\/h2>\n<p>Dr. J\u00fcrgen Brauer, seines Zeichens Generalstaatsanwalt in Koblenz, sowie Johannes Kunz, Pr\u00e4sident des LKA, erkl\u00e4rten im Rahmen einer Pressemitteilung am 27.09.2019 die Hintergr\u00fcnde und den gegenw\u00e4rtigen Stand der Ermittlungen. Soweit bisher ersichtlich, handelt es sich um ein deutschlandweit bislang einmaliges Verfahren gegen die 13 Beschuldigten. Die zw\u00f6lf M\u00e4nner und eine Frau sind gemischten Alters, zwischen 20 und 59 Jahre alt.<\/p>\n<p>Sieben dieser 13 Verd\u00e4chtigen sitzen mittlerweile in U-Haft. Ermittelt wird gegen sie unter anderem wegen Beihilfe in hunderttausenden F\u00e4llen bei schweren Drogendelikten, Datenhehlerei, Falschgeldgesch\u00e4ften, aber auch wegen Beihilfe zur Verbreitung von kinderpornografischen Schriften.<\/p>\n<h3>Hauptverd\u00e4chtiger war schon vorher auff\u00e4llig<\/h3>\n<p>LKA-Pr\u00e4sident Kunz berichtete auch Details \u00fcber den Hauptverd\u00e4chtigen, einen 59-j\u00e4hrigen Niederl\u00e4nder, der das Grundst\u00fcck 2013 erworben hatte. In den Niederlanden sei dieser auff\u00e4llig geworden durch Beziehungen zur organisierten Kriminalit\u00e4t. Wenngleich der Mann seinen Wohnsitz nach Singapur verlegt haben soll, lebte er den Ermittlungen zufolge vorrangig im Bunker und an der Mosel.<\/p>\n<h3>Gro\u00dfeinsatz von Polizei und GSG9<\/h3>\n<p>An der Zugriffsaktion waren 650 Polizeikr\u00e4fte aus Deutschland zugegen. Au\u00dferdem gab es durch die Unterst\u00fctzung von Spezialeinheiten wie der GSG 9, einer Spezialeinheit der Bundespolizei zum Bek\u00e4mpfen von organisierter Kriminalit\u00e4t und Terrorismus, Durchsuchungen nicht nur in Deutschland und Luxemburg, sondern auch in den Niederlanden und in Polen.<\/p>\n<p>Man konnte sechs Personen direkt in Traben-Trarbach festnehmen, eine weitere in Schwalbach in Hessen. Nach wie vor dauern die Untersuchungen an.<\/p>\n<h3>Cyberbunker: Kunden waren gro\u00dfe Darknet-Marktpl\u00e4tze<\/h3>\n<p>Kunz und sein Ermittlerteam k\u00f6nnen die Anzahl der Kunden, die durch \u201eCyberbunker\u201c beliefert oder \u201egesch\u00fctzt\u201c wurden, noch nicht absch\u00e4tzen. Klar ist jedoch bereits jetzt, dass etliche Marktpl\u00e4tze und Foren ihre Straftaten \u00fcber die rheinland-pf\u00e4lzerischen Server liefen lie\u00dfen. Aufgedeckt sind bereits diverse Kunden des Cyberbunkers, darunter diese:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eCannabis Road\u201c: Registriert waren auf dieser Site 87 Verk\u00e4ufer. Sie verkauften illegale Drogen jedweder Art. Allein bei Cannabis-Produkten wurden mehrere tausende Einzelverk\u00e4ufe \u00fcber die Site abgewickelt.<\/li>\n<li>\u201eWall Street Market\u201c: Hier ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die bereits wei\u00df, dass es sich beim \u201eWall Street Market\u201c um den zweitgr\u00f6\u00dften Marktplatz dieser Art weltweit handelt. Die Plattform \u00e4hnelte in ihrem Aufbau legalen E-Commerce-Plattform; sie erinnerte beispielsweise an eBay. Rund 250.000 Bet\u00e4ubunsmittelgesch\u00e4fte mit einem Umsatz von mehr als 41 Millionen Euro sollen \u00fcber diese Site abgewickelt worden sein.<\/li>\n<li>\u201eFraudsters\u201c: Die Landeszentralstelle Cybercrime (LZC) der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hat gegen die Betreiber dieses Untergrundforums ermittelt. Sie stehen im Verdacht, \u00fcber diese Plattform mehrere tausende Bet\u00e4ubungsmittelgesch\u00e4fte abgewickelt zu haben.<\/li>\n<li>\u201eFlugsvamp 2.0\u201c: Die Plattform sei der gr\u00f6\u00dfte schwedische Darknetz-Marktplatz zum illegalen Handel mit Bet\u00e4ubungsmitteln. Rund 600 Verk\u00e4ufer sowie 10.000 K\u00e4ufer sollen hier aktiv gewesen sein.<\/li>\n<li>\u201eorangechemicals\u201c, \u201eacechemstore\u201c sowie \u201elifestylepharma\u201c: Auch \u00fcber diese Plattformen wurden europaweit illegale Drogen vertrieben. Die Ermittlungen leitet die Staatsanwaltschaft K\u00f6ln. Ver\u00e4u\u00dferungsgesch\u00e4fte im f\u00fcnfstelligen Bereich sollen hier \u00fcber den virtuellen Tisch gegangen sein.<\/li>\n<li>Telekom-Router: Sie erinnern sich an den gro\u00dfen Telekom-Hack aus dem Jahre 2016 (<a href=\"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/telekom-hack-konsequent-handeln-nutzer-schuetzen\/3838\">wir berichteten<\/a>)? Hier, im Cyberbunker, soll dieser Gro\u00dfangriff auf rund eine Million Telekom-Router seinen Anfang genommen und \u00fcber die Server gesteuert worden sein.<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Ermittlungen zum Cyberbunker dauern noch an<\/h2>\n<p>Im Jahre 2015 haben die Ermittlungen begonnen, wie der SWR berichtet. Die Verbandsgemeinde Traben-Trarbach war es, die die ersten Hinweise gab. Neben dem rheinland-pf\u00e4lzischen LKA waren auch Kollegen aus Bayern, Hessen und den Niederlanden beteiligt. Kunz ist \u00fcberzeugt: \u201eDer lange Atem hat sich ausgezahlt\u201c.<\/p>\n<p>Das Amtsgericht Koblenz stellte auf Antrag der LZC Haftbefehle gegen die sieben bereits festgenommenen Tatverd\u00e4chtigen. Bei den sechs M\u00e4nnern und der Frau \u2013 zwei Deutsche, ein Bulgare sowie vier Niederl\u00e4nder \u2013 bestehe Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Laut Generalstaatsanwaltschaft haben sich die Verd\u00e4chtigen noch nicht zu den Vorw\u00fcrfen ge\u00e4u\u00dfert. Die 18 von der Ermittlungsrichterin erlassenen Durchsuchungsbeschl\u00fcsse wurden und werden hierzulande, in Polen, den Niederlanden und Luxemburg durchgesetzt.<\/p>\n<p>Die 200 bislang sichergestellten Server h\u00e4lt man nur f\u00fcr den Anfang; man rechne mit insgesamt 2.000 Servern. LKA-Pr\u00e4sident Kunz beschreibt die Datenanlage mit dem Wort \u201egigantisch\u201c. Sein vor\u00fcbergehendes Fazit: \u201eDas wird uns noch mehrere Monate oder Jahre besch\u00e4ftigen\u201c.<\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden haben also noch viel Arbeit vor sich, dennoch zeigen sie sich sichtlich stolz: Zum ersten Mal sei es gelungen, in Deutschland einen Bulletproof-Hoster auszuheben. Noch bliebe abzuwarten, ob sich nicht weitere etliche Ermittlungsverfahren aus dem Beweismaterial ergeben. Hier sei eine Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene notwendig.<\/p>\n<p>Aufwendige rechtliche Aspekte k\u00f6nnen die Ermittlungen auf internationaler Ebene erschweren: Der Leiter der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz erkl\u00e4rte, dass das Betreiben eines Rechenzentrums, auch wenn es illegale Seiten hostet, an sich nichts Strafbares sei. Deshalb m\u00fcsse den Betreibern nachgewiesen werden, dass sie das \u201eillegale Verhalten der Kunden kennen und dieses auch f\u00f6rdern\u201c.<\/p>\n<p>Auch die Website cyberbunker.com ist vom Netz \u2013 zumindest offiziell. Das Medienhaus Trierischer Volksfreund jedoch berichtet, dass die Seite weiterhin existiere. Zwei Niederl\u00e4nder, die Cyberbunker geleitet haben sollen, br\u00fcsten sich dem Bericht nach auf den eigenen Facebook-Seiten mit dem &#8222;Zur\u00fcckkapern\u201c des Seitennamens von den deutschen Ermittlern. Einer der Niederl\u00e4nder drohe auf Facebook der deutschen Bundespolizei, alle beschlagnahmten Daten wieder zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p>Oberstaatsanwalt J\u00f6rg Angerer, der ebenfalls die LZC Koblenz leitet, best\u00e4tigte auf Anfrage des Trierischen Volksfreunds, \u201edass der Niederl\u00e4nder die Netzwerkadresse der Internetseite Cyberbunker auf einen anderen Server umgeroutet habe\u201c. Laut Angerer ein Taschenspieler-Trick: \u201eDie Server mit den kriminellen Inhalten sind von uns beschlagnahmt und eine weitere kriminelle Nutzung ist unm\u00f6glich\u201c, stellt Angerer klar.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/cyberbunker-com.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7196\" src=\"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/cyberbunker-com.jpg\" alt=\"Screenhot: cyberbunker.com\" width=\"793\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/cyberbunker-com.jpg 793w, https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/cyberbunker-com-300x166.jpg 300w, https:\/\/www.psw-group.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/cyberbunker-com-768x425.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.psw-group.de%2Fblog%2Fpolizei-gelingt-rundumschlag-cyberbunker-ausgehoben%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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